Tasmania in der Bundesliga – Heute vor 60 Jahren

4. September 2025

04.09.1965:
Hamburger SV –
SC Tasmania 1900 5:1 (0:0)

+++ Eine Halbzeit hält die Neuköllner Defensive +++ Nach der Pause brechen die Dämme +++ Kicker: „HSV lebte von Berlins Fehlern“ +++ Dritte Niederlage in Folge +++ Tasmania rückt trotzdem vor auf Platz 16

Die Ausgangssituation

Durchschnittlich war der Hamburger SV in die Saison gestartet: nach einer Niederlage in Frankfurt und einem Sieg gegen Eintracht Braunschweig hatte es am 3. Spieltag bei Vorjahresaufsteiger Borussia Neunkirchen nur zu einem 1:1 gereicht. Gegen den SC Tasmania 1900 fehlten dem Gründungsmitglied der Bundesliga, das dort später zum „Dino“ wurde, dabei gleich fünf Offensivkräfte – darunter der legendäre Uwe Seeler. Dennoch stand eine Mannschaft mit illustren Namen auf dem Platz, allen voran Willi Schulz – der Nationalspieler, der im Sommer 1966 bei der WM in England zu „World Cup Willi“ wurde.

HSV kommt nicht zurecht

In der Anfangsviertelstunde suchte Tas sein Glück im Vorwärtsgang: „Drahtzieher“ war immer wieder Horst Szymaniak, der vor allem in Ulrich Sand einen Abnehmer für seine Pässe fand. Der agile Linksaußen ließ jedoch eine dicke Chance zur Führung aus, auf der anderen Seite traf Pohlschmidt nur den Pfosten. SC-Torwart Heinz Rohloff, der nach der Pause besonders in den Mittelpunkt rücken sollte, wurde dazu bei einem Zusammenprall mit Pohlschmidt am Kopf getroffen, als er sich Mitte der ersten Halbzeit halsbrecherisch in eine Flanke warf. Doch „Jumbo“, der seit dem 2. Spieltag den verletzten Klaus Basikow zwischen den Pfosten vertrat, konnte weiterspielen.

Tas mit zu vielen Fehlern

Nach der Pause und der von Schulz eingeleiteten Führung aber ging beim HSV der Knoten auf – innerhalb von 13 Minuten trafen die Hanseaten insgesamt dreimal. Da nutzte den Berlinern auch der zwischenzeitliche Anschlusstreffer zum 1:3 nichts: „Atze“ Becker, vom Kicker im Anschluss zum „Besten auf dem Platz“ gewählt („Ungeheures Arbeitspensum!“), hatte mit einem tollen Pass Peter Engler entscheidend in Szene gesetzt. Der HSV legte aber noch zweimal nach gegen Berliner, die mit schwindenden Kräften und daraus resultierender Fehlerhäufung zu kämpfen hatten. So stand am Ende das Paradox einer deutlichen Niederlage, das dem Sieger allerdings keinerlei Lob einbrachte. „Ich war keineswegs zufrieden, hatte nie das Gefühl, daß (sic!) die Abwehr auf sicheren Beinen stand“, kritisierte HSV-Trainer Gawliczek sein Team. „Wir lebten von den Fehlern Tasmanias!“ Das sah auch Tas-Trainer Franz Linken so: „Wir sind einfach noch zu grün für die Bundesliga. Zu viele Schwächen, zu viele Ausfälle (Talaszus, Rosenfeldt, Neumann) und der Verlust von Fischer.“ Anmerkung: Torjäger Heinz Fischer (1963-65 mit 49 Toren in 49 Spielen für Tas 1900 in der Regionalliga Berlin!) hatte sich noch vor dem unverhofften „Aufstieg“ Tasmanias in die Bundesliga für einen Wechsel zu Eintracht Gelsenkirchen (Regionalliga West) entschieden.

Tasmania rückt auf Rang 16 vor

Trotz der 1:5-Klatsche rückte der SC Tasmania 1900 nach Abschluss des 4. Spieltags auf Rang 16 vor. Wie das möglich ist? Nun, damals tickten die Uhren im Fußball noch in verschiedener Hinsicht anders: (noch) keine Gelben und Roten Karten, (noch) nur zwei Punkte für einen Sieg. Und das „Torverhältnis“? Berechnete sich ebenfalls anders, nämlich nach dem so genannten „Divisionsverfahren“. Nicht die Höhe der Differenz zwischen geschossenen und kassierten Toren gab damals den Ausschlag im Fall von Punktgleichheit, sondern die Quote. Heißt: die erzielten wurden durch die erhaltenen Treffer geteilt. Dadurch wurden Mannschaften, die mehr Tore geschossen hatten, belohnt – und so kam es, dass Tasmania mit einem Torverhältnis von 3:12 (Quote: 0,25) die punktgleichen Borussia Neunkirchen (2:9 – Quote: 0,22) und Schalke 04 (1:6 – Quote: 0.17) in der Tabelle hinter sich ließ. Auf Platz 16 lag man so bei zwei Auf- und Absteigern noch einmal kurzzeitig „über dem Strich“ – es sollte (schon) das letzte Mal in der Saison 1965/66 sein. Nur am 1. (2. Platz) und 2. Spieltag (11. Platz) hatte Tasmania besser in der Tabelle da gestanden. Und das Divisionsverfahren? Seine Anwendung fand mit Beginn der Saison 1967/68 ein Ende – seither gibt die heute bekannte Form der Tordifferenz den Ausschlag.

Spieldaten
1. Bundesliga, Saison 1965/66 – 4. Spieltag
Anstoß: Samstag, 21.08.1965, 16 Uhr
Stadion: Volksparkstadion, Hamburg
Zuschauer: 25.000
Schiedsrichter: Willy Thier (Gelsenkirchen)

Hamburg: Schnoor – Krug, Kurbjuhn – W. Schulz, Horst, Piechowiak – Dieckmann, B. Dörfel, Pohlschmidt, Bähre, Peltonen. Trainer: Gawliczek
Tasmania: Rohloff – Linder, Meißel – H.-G. Becker, Bäsler, Szymaniak – Usbeck, Konieczka, Fiebach, Engler, Sand. Trainer: Linken

Tore: 1:0 Piechowiak (50.), 2:0 B. Dörfel (54.), 3:0 Pohlschmidt (63.), 3:1 Engler (66.), 4:1 Dieckmann (72.), Pohlschmidt (82.)

Tasmania nach dem 4. Spieltag: 16. Platz, 2:6 Punkte, 3:12 Tore – 1 Sieg, 0 Unentschieden, 3 Niederlagen

Quelle: Bundesliga-Chronik 1965/66 (Agon-Sportverlag, Kassel 2005), kicker.de (Archiv).