Tasmania in der Bundesliga / Heute vor 60 Jahren

18. Dezember 2025

18.12.1965:
SC Tasmania 1900 –
FC Schalke 04 1:2 (0:2)

+++ Auch das zweite „Schicksalsspiel“ geht verloren +++ Schmidt probiert 4-3-3-System +++ 0:2-Rückstand nach 30 Minuten +++ Szymaniaks Anschlusstor kommt zu spät +++ Druck wird zum Jahresende 1965 immer größer +++

Die Ausgangssituation

Der Gegner des SC Tasmania 1900 am 17. Spieltag war in der damaligen Saison gewissermaßen nur noch in der Bundesliga vertreten, weil die Neuköllner aus den bekannten, politischen Gründen ins Oberhaus „gehievt“ worden waren. Denn im Sommer 1965 hatten sowohl der Karlsruher SC (1964/65: 15. Platz) und auch Schalke 04 als Letzter (1964/65: 16. Platz) juristisch ihren Anspruch auf den durch die Disqualifikation von Hertha BSC frei gewordenen Platz in der Bundesliga geltend gemacht. Der DFB hatte daraufhin, um den Start der Spielzeit nicht mit einem langwierigen rechtlichen Gerangel zu belasten, kurzerhand die Teilnehmerzahl auf 18 Klubs (mit Tas und dem sportlich eigentlich abgestiegenen KSC und S04) erhöht – also wie sie bis heute (außer in der Saison 1991/92 mit 20 Vereinen) noch Bestand hat. Die Schalker waren damals allein mit sieben Meistertiteln (zwischen 1934 und 1942 6-mal Sieger, dazu 1958) einer der meistdekorierten Vereine Deutschlands. In den ersten beiden Bundesligasaisons war mit Platz 8 und 16 (s. oben) vom alten Glanz nicht mehr viel geblieben, auch in den kommenden Jahren spielten die ruhmreichen „Königsblauen“ nur um den Klassenerhalt. Im Dezember 1965 kam S04 so als Tabellen-15. mit acht Punkten Vorsprung auf Tas, aber ohne jeden Auswärtspunkt nach Berlin – der SC Tasmania 1900 stand dabei unter erhöhtem Zugzwang, nachdem bereits das erste von vier „Schicksalsspielen“ eine Woche zuvor in Neunkirchen verloren gegangen war. Trainer Heinz-Ludwig Schmidt tauschte in der Startelf nur auf einer Position (Ingo Usbeck an Stelle von Wolfgang Rosenfeldt) im Sturm und setzte damit auch weiter auf die nach einer Umstellung neu formierte Defensive, die gute Ansätze gezeigt hatte.

Neues System fruchtet nicht

Am letzten Samstag vor Weihnachten hatte es in Berlin bereits die Nacht durch bis kurz vor Spielbeginn geregnet, während der Partie kehrte der Niederschlag wieder zurück – selbst für die „gute Drainage im Olympiastadion“ zuviel, wie die FuWo urteilte. So präsentierte sich der Platz in schwierigen Konditionen, aber mit 4.000 Besuchern auch der bis dato schwächste Besuch bei einem Heimspiel eines Berliner Bundesligisten (dieser Negativrekord sollte bereits im Januar noch für die Ewigkeit deutlich unterboten werden). Ob das Olympiastadion bei besserer Witterung deutlich voller geworden wäre, bleibt dabei angesichts der sportlichen Darbietungen bzw. Perspektiven Tasmanias reine Spekulation. Fakt ist, dass die „FuWo“ in diesem Zusaammenhang mit der Durchschnittszahl von 15.000 zur Kostendeckung bereits ein Fragezeichen hinter die finanzielle Perspektive des Vereins setzte. Im Gegensatz zur ordentlichen, aber auch unglücklichen Vorstellung in Neunkirchen zeigten sich die Neuköllner jedenfalls wieder von ihrer schwachen Seite. Trainer Schmidt hatte sich eines Kniffs bedient und sein Team im 4-3-3-System auflaufen lassen, dazu die Numerierung wie sein Frankfurter Kollege Schwartz geändert – nach fortlaufender Bezifferung spielte der Rechtsaußen so nicht mit der „handelsüblichen „7“, sondern in Tasmanias Fall mit der „9“ auf dem Rücken. Doch alle Spitzfindigkeiten nützen nichts, wenn man nicht die entsprechendem Spieler dafür besitzt, resümierte die „FuWo“ im Anschluss. In jedem Fall ließ sich „Atze“ Becker schon nach fünf Minuten (und nicht das letzte Mal an diesem Nachmittag) von Lömm austanzen und dessen Flanke verwertete Neuser im Zentrum zum frühen 0:1. Zwar bemühte sich Tas im Anschluss um ein Spiel nach vorne, letztlich blieb aber ein Distanzschuss von Wolfgang Neumann der einzige Versuch, der Elting im S04-Tor Probleme bereitete. Schlicht, aber wirkungsvoll dagegen die „Knappen“, als Klose und Herrmann mit einem Doppelpass die gegnerische Defensive aushebelten und ersterer mit strammem Schuss auf 0:2 stellte.

Nur der Anschluss gelingt noch

Nach dem Wechsel blieb Schalke die gefährlichere Mannschaft, auch wenn die Zuschauer bei einem Kopfball von Lothar Zeh nach Vorlage von Horst Szymaniak bereits den Torjubel auf den Lippen hatten, die Kugel aber doch ganz knapp vorbeiflog. Auf der Gegenseite klärte Becker eine Flanke vor der Torlinie (und mehreren königsblauen Angreifern) und Schlussmann Klaus Basikow riskierte Kopf und Kragen, um Klose an einem weiteren Treffer zu hindern. So gelang den Tasmanen in der Schlussphase doch noch der Anschlusstreffer, wenn auch auf bezeichnende Weise: denn erst faustete Elting eine Ecke zu Szymaniak, der vom Strafraumrand den Ball mit dem Kopf wieder in die Gefahrenzone bringen wollte, doch Schalkes Torwart wischte die erneute Eingabe über drei bereitstehende Mitpieler hinweg zum 1:2 ins eigene Netz. Obwohl die Neuköllner in der Folge natürlich nun auch wenigstens noch den Ausgleich herstellen wollten, kamen sie jedoch nicht mehr zu nennenswerten Chancen. So war der Frust im Anschluss groß und die „FuWo“formulierte auf ihrer Titelseite düster: „Kein Ausweg mehr für Tas“. Auch Kommentator Fritz Clausse erging sich in finsteren Beschreibungen: „Im nebligen Sprüh dieses düsteren Dezembertages im Olympiastadion (…) verschwammen die Konturen des gigantischen Baus im gespentischen Dunst, und auf dem feuchtglatten Rasen breitete sich spielerische Finsternis aus.“ So zitierte er die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dantes „Göttlicher Komödie“ („Lasset alle Hoffnung fahren“) – dazu bezeichnete er den Auftaktsieg gegen den KSC als „Danaergeschenk„, um anschließend noch ein (offenbar) geflügeltes Wort aus der Berliner Schrebergärtnerei dafür zu verwenden: „Frühe Pflaumen sind madig“, so Clausse. Keine Frage also – schon zu diesem Zeitpunkt hatte Tas die Berliner Presse an den Rand der Verzweiflung getrieben.

Szymaniak: „Man tut der Mannschaft unrecht“

Allerdings taten die meisten Spieler mit ihren ersten Kommentaren nach Abpfiff auch das Ihrige, um diese Stimmung zu verbreiten. „Von allen Spielen, die ich in meiner Mannschaft bisher mitgemacht habe, war dies das schwächste“, befand Torwart Basikow etwa nach seinem achten Saisoneinsatz, und Kapitän Becker gab sich ebenso (gewohnt) schonungslos: „Bei Schalkes Treffern halfen wir unfreiwillig ein bißchen (sic!) mit. Jetzt sieht es beinahe hoffnungslos aus.“ Nur Szymaniak – der erstmals auch keinen guten Tag erwischte, sodass Schalkes Fichtel zur Pause aus seiner Manndeckung abbeordert wurde – wollte sich nicht in Enttäuschung üben, sondern zeigte sich als Realist: „Unsere Mannschaft gibt, was sie kann. Wenn eine gute Elf schlecht spielt, wird sie zu Recht (sic!) ausgepfiffen, wenn aber eine schwache Mannschaft, wie wir es sind, ausgepfiffen wird, tut man ihr unrecht.“

Spieldaten

1. Bundesliga, Saison 1965/66, 17. Spieltag
Anstoß: Samstag, 18.12.1965, 14 Uhr
Stadion: Olympiastadion, Berlin
Zuschauer: 4.000
Schiedsrichter: Rudibert Jacobi (Heidelberg)

Tasmania: Basikow – Finken, Meißel, Konieczka, Becker – Bruske, Szymaniak, Wähling – Neumann, Zeh, Usbeck. Trainer: Schmidt
Schalke: Elting – Becher, Rausch – Pyka, Fichtel, Pliska – Lömm, Herrmann, Neuser, Kreuz, Klose. Trainer: Langner

Tore: 0:1 Neuser (5.), 0:2 Klose (29.), 1:2 Szymaniak (82.)

Tasmania nach dem 17. Spieltag: 18. Platz, 3:29 Punkte, 8:56 Tore – 1 Sieg, 1 Unentschieden, 14 Niederlagen (1 Ausfall)

Quelle: Fußball-Woche, fussballdaten.de, Bundesliga-Chronik (AGON-Sportverlag), kicker.de