11.12.1965:
Borussia Neunkirchen –
SC Tasmania 1900 3:1 (1:1)
+++ Trainingslager zahlt sich spielerisch aus +++ Gute erste Halbzeit, aber zu wenig Ertrag +++ Zeh beendet Tasmanias Torflaute nach 741 Minuten +++ Nach der Pause schwinden die Kräfte +++ Chance zur Trendwende verpasst +++
Die Ausgangssituation
Am 16. Spieltag trat der SC Tasmania 1900 bei Borussia Neunkrichen an – mit dem Verein aus dem Saarland verbindet die Neuköllner dabei eine besondere Geschichte. Denn ein Jahr zuvor standen beide Klubs als Regionalmeister gemeinsam in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga – und trotz des in dieser Gruppe ebenfalls vertretenen FC Bayern München kam es dazu, dass Tasmania und die Borussia im letzten Spiel in Neunkirchen den Aufsteiger aus dieser Gruppe ermitteln sollten. Tas zog dabei unglücklich mit 0:1 den Kürzeren und kam so erst ein Jahr später durch die bekannten, nicht-sportlichen Umstände zu Bundesligawürden. Die Saarländer, deren Spieler sich hauptsächlich aus einem der kleinsten Standorte der Bundesligageschichte (heute etwa 47.000 Einwohner) und deren Umgebung rekrutierten, hielten sich in der Bundesliga 64/65 wacker und landeten am Ende auf Platz 10. Zum Faustpfand wurde dabei die Heimstärke: 21 ihrer 27 Punkte (zwei Zähler für einen Sieg) holte die Borussia im Ellenfeldstadion, das dazu bis heute Kultstatus bei Groundhoppern als Arena ohne Laufbahn und durch ihre besondere Lage (in einen Hang hineingebaut) genießt. In der Saison 1965/66 stieg man am Ende gemeinsam mit Tasmania ab, schaffte im Gegensatz zu den Neuköllnern aber 1967 noch einmal für eine Saison die Rückkehr ins Oberhaus. Heute spielt die Borussia in der sechstklassigen Saarlandliga und musste Anfang Dezember (nicht zum ersten Mal) einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens einreichen. Tasmania hatte sich seinerzeit eigens zur Vorbereitung der immens wichtigen Partie einige Tage im Saarland einquartiert – Heinz-Ludwig Schmidt vertiefte dabei die Spielformen und baute dazu auch die Mannschaft um.
Zeh beendet die Torflaute
Zum Anstoß um 14 Uhr – früher als die restlichen Bundesligaspiele, weil es im Ellenfeld kein Flutlicht gab – waren zunächst noch mehrere Tausend Besucher weniger vor Ort. Das städtische Hüttenwerk hatte zu diesem Zeitpunkt erst Schichtende und die Ränge füllten sich dadurch im weiteren Spielverlauf. Doch was die Fans zu sehen bekamen, versetzte sie in Erstaunen: beide Mannschaften spielten in diesem wichtigen Kellerduell auf Sieg – aber vor der Pause erwies sich das Schlusslicht als überlegen. Trotzdem geriet Tasmania in Rückstand, weil Herbert Finken im eigenen Strafraum ein Foul unterlaufen war, dass der Gastgeber zur Führung nutzte. Tasmania kombinierte aber unverdrossen weiter und kam zu Chancen: Wolfgang Neumann schoss jedoch einen Gegenspieler an, als Torwart Ertz nicht im Bilde war, und Erwin Bruske traf nach maßgeschneiderter Vorlage von Lothar Zeh aus sechs Metern das Tor nicht. Dazu hatte Ertz Mühe mit einer Direktabnahme von Wolfgang Rosenfeldt – dann aber brach der Bann. Über Horst Szymaniak und Jürgen Wähling kam der Ball zu Zeh, der flach und platziert zum 1:1-Ausgleich traf. Der erste Treffer seit 741 Minuten – lange Zeit einer der Negativrekorde Tasmanias in der Bundesliga –, zuletzt hatte ebenfalls Zeh gegen Hannover 96 (1:5) am 2. Oktober die 1:0-Führung besorgt. Die Borussia drängte nun mit Macht, aber „Atze“ Becker konnte einmal auf der Linie klären und ein Schuss von May klatschte an die Latte. Beim Stand von 1:1 zur Halbzeit verabschiedeten die Heimfans ihr Team mit einem derartigen Unmut in die Kabine, dass – so schreibt es jedenfalls die „Fußball-Woche“ – Schiedsrichter Kreitlein (später Deutschlands Referee bei der WM in England 1966) per Lautsprecherdurchsage darum bat, das Pfeifen im zweiten Durchgang sein zu lassen.
Tas geht die Puste aus
Borussia-Trainer Buhtz (damals noch am Anfang seiner Trainerkarriere) reagierte auf die ersten 45 Minuten und nahm Tasmanias Spiellenker Szymaniak in Sonderbewachung. Diese Maßnahme sollte ihre Wirkung nicht verfehlen – aber nicht nur die Ideen des früheren Nationalspielers kamen nun weniger zum Tragen, auch die Kondition der Berliner ließ mit fortschreitender Spieldauer deutlich nach. Eine alte Schwäche, die Trainer Schmidt im Trainingslager nicht hatte beseitigen können. So konnte Görts bald nach Wiederanpfiff ungestört flanken und Wingert freistehend zum 2:1 für Neunkirchen einköpfen – Becker versuchte zwar mit einer Einzelleistung darauf zu antworten, aber sein Schuss aus 20 Metern verfehlte den Torwinkel knapp. Später verzog dazu Neumann, als ihm nach einer Ecke der Ball vor die Füße fiel – doch die Chancen wurden spürbar weniger. Die Entscheidung kam, als Finken abermals Görts nicht aufhalten und Simmet dessen Eingabe zum 3:1 verwerten konnte – bei der Ballannahme soll allerdings die Hand im Spiel gewesen sein.
„Ich gebe die Bundesliga noch nicht verloren“
Nach Abpfiff konnte Horst Buhtz seine Verwunderung nicht verbergen und sah seine Mannschaft gut davongekommen: „Vor der Pause wurden wir von Tasmania völlig überrascht, die Berliner spielten gut und hatten einige großartige Torchancen.“ Ebenso treffend sprach der Borussen-Coach aber: „Gewonnen haben wir, weil unsere Kondition besser war.“ Auf der Gegenseite gab sich Tas-Trainer Schmidt kämpferisch: „Wir lassen nicht nach, ich gebe die Bundesliga noch nicht verloren, ich weiß genau, was in der Mannschaft noch steckt. Die Woche Aufenthalt in der Saarbrücker Sportschule hat uns kameradschaftlich zusammengeschweißt.“ Und der erfahrene Szymaniak brachte es auf den Punkt: „Endlich wurde bei uns einmal gespielt (…) ich glaube, dass wir in Zukunft nicht mehr so eine leichte Beute für unsere Gegner sein werden.“ Dass der Klassenerhalt mit nun sieben Zählern Rückstand zu Neunkirchen auf dem ersten Nichtabstiegsplatz ein noch schwierigeres Unterfangen würde, war jedoch allen im Dezember 1965 bewusst. Punkte mussten her, am besten schon bis zum Jahresende gegen Schalke 04 (15. Platz) und Eintracht Braunschweig (13.).
Spieldaten
1. Bundesliga, Saison 1965/66, 16. Spieltag
Anstoß: Samstag, 11.12.1965, 14 Uhr
Stadion: Ellenfeldstadion, Neunkirchen
Zuschauer: 13.000
Schiedsrichter: Horst Kreitlein (Stuttgart)
Neunkirchen: Ertz – Schröder, Peter – Melcher, Leist, Schock – Simmet, Kuntz, May, Wingert, Görts. Trainer: Buhtz
Tasmania: Basikow – Finken, Meißel – Konieczka, Becker, Wähling – Szymaniak, Zeh, Bruske, Neumann, Rosenfeld. Trainer: Schmidt
Tore: 1:0 May (9., Foulelfmeter), 1:1 Zeh (28.), 2:1 Wingert (55.), 3:1 Simmet (79.)
Tasmania nach dem 16. Spieltag: 18. Platz, 3:27 Punkte, 7:54 Tore – 1 Sieg, 1 Unentschieden, 13 Niederlagen (1 Ausfall)
Quelle: Fußball-Woche, fussballdaten.de, Bundesliga-Chronik (AGON-Sportverlag), kicker.de



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